Oktober 2008


Sonntag, 12. Oktober 2008

Bananen, Carnarvon und andere Kuriositäten

Oh man... wir sind jetzt schon über einen Monat in Carnarvon. Solange waren wir in den letzten vier Monaten an keinem anderen Ort.

Seit dem 03. September arbeiten wir nun bei der „Sweeter Banana Co-Operative Limited“ im Bananenshed. Nach den ersten Tagen hatten wir natürlich wieder Rückenschmerzen. Wir sind körperliche Arbeiten einfach nicht gewohnt. Aber im Vergleich zu Mareeba und dem Zucchinipflücken ist die Arbeit recht leicht.

Chris hat die ersten zwei Wochen Ketten um die Bananenstauden gelegt, so dass diese dann an einem Hydraulik-Haken aufgehängt werden und in den Shed gefahren werden können. Jetzt ist er schon zum Master of Disaster im Außenbereich aufgestiegen und hat von der Anlieferung der Bananen bis zur Beförderung in den Shed alles im Griff und muss sogar neue Arbeiter einarbeiten. Das ist echt super für sein Englisch und er kann sich jetzt auch in den Pausen unterhalten. Seine Hauptaufgabe ist es, die Bananenstauden an den Hydraulik-Haken zu hängen und die verschiedenen Farmer, von denen die Bananen kommen, zu notieren. Wenn er dabei einen Fehler macht, ist das schon dramatisch. Außerdem ist um die meisten Bananenstauden eine Art Tüte drum rum, die auch noch entfernt werden muss. Dabei fallen ihm auch schon mal kleine süße Frösche und dicke behaarte Spinnen entgegen. Jetzt wo es noch wärmer wird, können wohl auch öfter mal Schlangen drin sein. Aber so lange man die nicht anfasst, sind sie angeblich total harmlos. Ja, Ja... Wir werden sehen.

Ich habe die ersten zwei Wochen am Fließband Bananen mit frischen Schnitt- oder Druckstellen aussortiert und von der „Bananenhand“ abgerissen. Nachdem ich davon aber einen total dicken Zeigefinger bekommen habe, den ich kaum noch bewegen konnte, durfte ich dann zwischendurch auch mal die Second Class Bananen sortieren und in packgerechte Haufen über einander legen. Das sind echt anspruchslose Arbeiten. Ich hoffe, ich bekomme mein Gehirn nach der Carnarvon-Zeit wieder aus dem Standby-Modus raus. Naja, nach den ersten zwei Wochen darf ich jetzt auch packen. So ist wenigstens ein bisschen Abwechslung drin. Die „Sweeter Banana Co.“ hat einen australischen Landwirtschaftspreis für Innovation mit ihren Lunch-Box Bananen gewonnen. Das sind besonders kleine Bananen, die eben in eine Lunch-Box passen. Diese werden in Tüten verkauft. Meine Aufgabe beim Packen ist also, die „Bananenhand“ in die Tüte zu bekommen und dabei ein bestimmtes Gewicht einzuhalten. Schön aussehen muss es natürlich auch noch. Das war am Anfang gar nicht so leicht und ich war öfter kurz vorm explodieren, weil diese blöden Bananen einfach nicht in die Tüte wollten. Jetzt geht es schon einigermaßen. Ich bin aber immer noch die Langsamste. Ich glaube aber, das liegt daran, dass mir das asiatische Shiva-Gen und damit ein paar zusätzliche Hände fehlen. Jedenfalls gibt es Asiaten dort, die fast doppelt so schnell sind wie ich. Die packen, als ob es um ihr Leben geht. Ich habe noch nie Leute gesehen, die ihre Arme so schnell bewegen können. Generell scheinen viele Asiaten eine andere Arbeitsmoral zu haben. Viele von denen rennen sogar von A nach B – wie Ameisen auf Speed.

Vor zwei Wochen haben draußen noch zwei ganz coole und witzige Esten gearbeitet, Rivo und Piett. Mittlerweile sind wir aber die einzigen Europäer im ganzen Shed. Die anderen Backpacker die dort arbeiten, sind alles Asiaten. Die meisten kommen aus Korea, Taiwan und Japan.

Nach einer ersten Gehaltserhöhung bekommen wir jetzt 17,20 A$ die Stunde und für’s Packen bekomme ich 18,30 A$. Die Schnelleren bekommen schon um die 20 A$ die Stunde. Einer ist sogar dabei, der auf 25 A$ kommt. Das ist allerdings der Bruttobetrag von dem man noch 29% Steuern abziehen muss, die man aber komplett am Ende des Jahres wieder bekommt. Das ist sozusagen eine Art Sparschwein für Deutschland. Zusätzlich bekommen wir noch 9% SuperAnnuation. Das ist so was wie eine Rente, die der Betrieb zahlt und die wir auch ausgezahlt bekommen, wenn wir Australien verlassen.

Im Shed gibt es drei Supervisor – einen für draußen und zwei für drinnen. Chris Supervisor ist Wayne, ein Ur-Australier mit wenig Zähnen, einer riesen Nase, dickem Bart und schlimmem Slang, aber sehr nett. Meine Supervisor sind Dion und Risa. Dion hat generell alles im Überblick und teilt die Mitarbeiter ein. Risa ist eine Asiatin – wie praktisch – und steht meistens mit am Sortierbecken. Risa ist echt schwer zu verstehen und ich habe sie noch nie in Sätzen reden gehört, immer nur in Stichworten wie zum Beispiel “Girl, other side!“, „Girls, push banana“, „Janina, down, darling“ usw. Bei ihr ist jeder Darling, egal ob männlich oder weiblich. Sie hat auch immer irgendwas von Bismark erzählt und ich dachte, wie kommt sie jetzt auf Bismark und was will sie mir damit sagen, bis mich dann jemand aufgeklärt hat, dass sie Freshmark und nicht Bismark sagt. Noch so ein akustisches Missverständnis war BMW und Gabriel. Vivi, ein ganz nettes Mädel aus Taiwan, hat mich gefragt ob BMW aus Deutschland kommt und ich hab irgendwas mit Gabriel verstanden. Da kann man sich mal vorstellen, wie krass sich das Englisch von vielen Asiaten anhört. Aber andersrum verstehen die meisten Asiaten unseren deutschen Akzent sicher genauso schlecht.

Noch ein Beispiel zu den Kulturunterschieden: In der ersten Pause an unserem ersten Arbeitstag hat Risa mit böser Mine und ernster Stimme alle Mädchen am Klo versammelt und uns erstmal eine Standpauke über Toilettenhygiene gehalten. Ich dachte echt, ich bin im falschen Film, als sie anfing uns zu erklären, dass man benutztes Toilettenpapier im Klo runter spülen kann – Wunder der modernen Welt. Koreaner nutzen wohl kein Toilettenpapier und kennen das deshalb nicht. Besonders interessant war auch die Aufklärung zur Benutzung von Hygieneartikeln während der Menstruation. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass jemand auf die Idee kommt blutiges Klopapier oder sogar Binden oder Tampons einfach auf die Erde zu schmeißen. Das machen die in Korea bestimmt auch nicht. Naja, ich fand es jedenfalls sehr amüsant und die Toilette ist jetzt auch immer recht sauber.

Noch eine Geschichte zum Thema ich könnt kotzen oder schreien vor Ekel: Es war ein schöner warmer Mittwoch und ich war gerade dabei mit anderen Mädels Extra Large Bananen zu sortieren. Mir hat es im Gesicht schon eine Weile gekrabbelt, aber ich dachte es sind meine Haare und habe versucht sie mit dem Arm (ich hatte ja nasse Handschuhe an) weg zu machen. Auf einmal sticht und brennt es auf meiner Wange und ich merke etwas an meiner Wange Richtung Mund laufen. Mein Gehirn wacht langsam auf: SSSPPPIIINNNEEEEEEE!!!! Panisch und mit ein paar hysterischen Quietschgeräuschen, habe ich versucht das Monster aus meinem Gesicht zu bekommen. Mit Hilfe von Vivi, die zum Glück neben mir stand, wurde ich dann auch davon befreit. Dazu muss man sagen, dass die Spinnen hier nicht aussehen wie unsere Spinnen. Die Spinnen hier haben Gesichter – Augen, mit denen sie dich anstarren, einen Mund, und so was wie Zähne – außerdem sind sie behaart, groß und stellen sich auf ihre Hinterbeine, um dich mit ihren zwei Stachelfühlerbeinen anzugreifen. Zudem hatte mir Marlene, eine Langzeitmitarbeiterin, ein paar Tage davor erzählt, dass sie von einer Spinne in den Arm gebissen wurde, dass der total dick wurde und ihr 3 Tage lang schwindelig war. Davon wurde ich aber verschont. Ich habe nur eine lebenslange Spinnenphobie davon getragen. Naja, so schlimm ist es auch wieder nicht. Es hat sogar einen positiven Effekt gehabt: Ich werde die Spinnen in Deutschland total niedlich und süß finden. Die meisten Spinnen bleiben ja zum Glück draußen bei Chris. Er hatte auch schon eine Ratte und eine große Echse auf dem Trailer.

Der Campingplatz auf dem wir jetzt wohnen ist ganz schön – mit Pool, modernen und sauberen Duschen und Fernseher in der Camp Kitchen. Man kann sich auch kostenlos DVDs ausleihen. Die haben wir jetzt aber leider schon alle durch. Es gibt hier übrigens die selben Sendungen wie bei uns auch. Zum Beispiel „Deal or no Deal“, „Farmer wants a Wife“ (Bauer sucht Frau – nur dass die Bauern hier besser aussehen und nicht solche Freaks sind) oder Frauentausch.

Auch was das Essen angeht, gibt es hier nicht so viele Unterschiede, aber einige krasse Dinge gibt es schon. Das aller Ekeligste ist Vegemite, ein Brotaufstrich, den die Australier zum Frühstück essen wie wir Nutella, und sie lieben es. Da es zu schmecken schien, haben wir uns natürlich auch mal ein Glas gekauft. Es roch ein bisschen nach Sirup – also rauf damit auf’s Toast. Ein Biss und ich war kurz vorm Kotzen und habe alles wieder ausgespuckt. Chris ging es nicht viel besser, er möchte es später irgendwann aber noch mal probieren. Jedenfalls schmeckt Vegemite wie eine Mischung aus Leberwurst und Stinkerkäse mit ganz viel Salz. Abartig!!! Ansonsten essen die Australier natürlich das typisch englische Frühstück: Toast, Eier, gebratenen Speck, Tomaten und Bohnen. Die Kinder mögen lieber Pancakes zum Frühstück – die schmecken wie bei uns Pfannkuchen (Eierkuchen). Ich esse auch mal ganz gerne Pfannkuchen, am liebsten mit Apfelmus. Als wir uns im Supermarkt aber ein Glas Apfelmus kaufen wollten, haben wir keins gefunden. Wir haben da geguckt, wo wir Apfelmus vermutet hätten, bei den Dosenfrüchten und Kirschen im Glas. Auf jeden Fall stand dort kein Apfelmus rum. Also haben wir eine Mitarbeiterin gefragt und zu unserer Überraschung stand das Apfelmus bei den ganzen Saucen, wie zum Beispiel BBQ-Sauce. Die Australier essen Apfelmus nämlich hauptsächlich auf Fleisch. Auf dem Etikett ist auch ein ordentliches Steak mit süßem Apfelmus drauf zu sehen. Noch so was Ekeliges sind die Meat Pies, die die Australier auch super gerne essen. Das ist ekeliges dunkles Hackfleisch in einer Art Blätterteigkuchen. Das ganze macht man dann in der Mikrowelle warm. Chris findet sie nicht so schlecht. Naja, Hauptsache Fleisch ist drin.

Bei den Asiaten auf Arbeit gibt es immer Reis in der Mittagspause - egal mit was, Reis mit Gemüse, Reis mit Ei, Reis mit Bratwurst. Manche Sachen sehen aber schon sehr lecker aus. Wir haben uns auch gleich einen Reiskocher für die Mikrowelle gekauft (hat nicht mal 10 A$ gekostet) und der Reis schmeckt wirklich besser, als wenn man ihn im Topf kocht – richtig schön klebrig.

Ansonsten haben wir aber schon krasse Geschichten, vor allem aus Vietnam gehört. Die essen da wirklich Hunde und Katzen. Es hat mich ja ein bisschen beruhigt, dass man Hundefleisch dort zumindest nicht im Supermarkt kaufen kann, aber dafür ist es doppelt so ekelig, dass die Hunde die gegessen werden, meist streunende Hunde sind. Das Beste kommt aber noch. In Vietnam ist es wohl normal, sich kleine Bären zu kaufen, wenn sie noch niedlich und verspielt und vor allem ungefährlich sind. Wenn diese dann größer und stärker werden, werden ihnen die Tatzen abgeschnitten und als Symbol für Stärke verkauft und der Rest wird gegessen. Besonders krass ist es, solche Geschichten von einem ganz normalen Vietnamesen zu hören. Wenn man das so im Fernseher sieht, denkt man (ich zumindest), dass es eher Ausnahmen und irgendwelche Buschvölker sind, die so was machen – scheinbar aber nicht. Aber Affenhirn essen wohl nur ganz wenige – na das ist ja beruhigend.

Zu Carnarvon gibt es nicht viel zu sagen. Es gibt hier 176 Farmen die Bananen, Tomaten, Gurken, Mangos, Paprika, Auberginen, Zucchini, Avocados und so ziemlich alles andere an Obst und Gemüse anbauen. Cool ist, dass man sich das Gemüse direkt frisch von den Farmen, oder bei uns auch auf dem Campingplatz, kaufen kann. Für eine Tüte Tomaten zahlt man dann einen Dollar - also vielleicht 60 Cent in Deutschland. Voll günstig und lecker!

Die Stadt Carnarvon ist klein, sauber und gemütlich. Hier gibt es auch keine Probleme mit den Aborigines (keine offensichtlichen) so wie in Mareeba. Im Gegenteil, wenn wir am Wochenende angeln gehen, sitzen an der Stelle auch meist Aborigines, die uns auch schon geholfen haben, den Fisch vom Haken zu bekommen und Tipps zum Braten gegeben haben.

Zum Thema Aborigines lese ich im Moment „follow the rabbit-proof fence“ von Doris Pilkington. Das Buch wurde jetzt auch verfilmt und war, glaube ich, auch in Deutschland in den Kinos. Es geht um drei Mädchen, die von den Weißen, in ein Internierungslager gebracht und somit von ihrer Familie getrennt wurden. Die drei Mädchen konnten aber fliehen und sind entlang des „rabbit-proof fence“ – einem Zaun, der die Kaninchen davon abhalten sollte, von South Australia nach Western Australia zu wandern –durch halb Western Australia wieder nach Hause gelaufen. Die Geschichte beruht auf dem wahren Leben von der Mutter von Doris Pilkington und man bekommt einen Einblick in die Geschichte der Aborigines und das Leben im Bush.

An Sehenswürdigkeiten gibt es in Carnarvon nicht viel. Die One-Mile Jetty ist ein „Highlight“. Das ist ein langer Anlegesteg für den man zwei Dollar zahlen muss, wenn man da rauf will. Dass die Hälfte vom Steg gesperrt ist, weil ein Teil eingestürzt ist und dass der Steg so morsch ist, dass man Angst haben muss, jeden Moment durch ein Loch zu fallen, sagt einem vorher keiner. Sonst gibt es noch den Chinaman-Pool, eine große Satellitenschüssel, ein paar Denkmäler – alles nicht wirklich spannend. Shoppen gehen kann man natürlich auch nicht. Es gibt nur einen kleinen Laden mit guten Klamotten. Naja, wir wollen Weinachten und Silvester in Perth sein, also haben wir noch ein bisschen Zeit und müssen wohl noch hier bleiben. Außerdem müssen wir in Perth die Rego für unser Auto verlängern lassen und das kostet mindestens 1.000 A$. Aber die Zeit vergeht hier erstaunlicherweise doch ganz schnell.

Sonst ist in Carnarvon nicht viel los. Unsere Hauptbeschäftigungen am Wochenende sind angeln, lesen und in der Sonne liegen. Wir haben hier mittlerweile um die 30°C. Hoffentlich werden es nicht wirklich noch 40°C so wie uns schon viele erzählt haben. Zum Glück ist es immer ein bisschen windig, dadurch hält man die Temperaturen noch ganz gut aus. Teilweise war es aber die letzten Tage auch ein bisschen zu windig und uns ist beim Angeln ein Campingstuhl ins Wasser gefallen. Den hat Chris aber todesmutig wieder raus geholt. Regen hatten wir jetzt seit circa 3 Monaten nur an einem Tag oder besser in einer Nacht. Da war es dann auch einem kleinen Mäuschen zu ungemütlich draußen und es hat es sich in unserem trockenen Zelt gemütlich gemacht. Am nächsten Morgen ist es dann aber mit gutem Zureden freiwillig wieder gegangen und wir haben den Reißverschluss am Zelt noch zusätzlich mit einem Band zu gemacht, so dass keine Maus mehr durchpasst. Als wir dann von der Arbeit wieder kamen, hatten wir ein Loch in der Zeltwand. Erst dachten wir, dass es irgendwie von einem Messer kam, weil genau an der Stelle auch unsere Geschirrbox stand. Aber nachdem wir dann das angeknabberte Toast gesehen haben, war klar, dass unser Mäuschen wieder mal Hunger hatte und sich für ein bisschen Toast sogar durch die Zeltwand genagt hat. Schöne sch.... Naja wir konnten das Loch mit einem speziellen Klebeband ganz gut flicken und lassen das Zelt jetzt wieder ein Stück auf, so dass das Mäuschen, wie es sich gehört, durch die Tür gehen kann. Für das Essen haben wir uns noch eine zusätzliche Plastikbox gekauft und dem Mäuschen bleiben jetzt nur noch die Krümel auf dem Boden. Wobei wir den Deckel an einem Tag nur auf die Box gelegt haben und nicht richtig zu gemacht haben und das Mäuschen so trotzdem irgendwie in die Kiste und an unser Toast gekommen ist. Tja, Mäuse werden nicht umsonst für Tierversuche genutzt – die sind schon clever.

So circa 70km von Carnarvon entfernt gibt es die Blowholes. Das sind Löcher in der Felsküste durch die der Wind das Wasser vom Meer bläst und dabei hohe Fontänen entstehen. Ansonsten kann man am Wochenende auch mal nach Exmouth (360km) oder Coral Bay (250km) zum Schnorcheln fahren. Das Ningaloo Reef ist echt schön, aber dazu mehr im nächsten Eintrag.